Die Stadttaube, auch als Haustaube oder Straßentaube bekannt, ist eine in urbanen Räumen weit verbreitete Vogelart. Sie hat sich aufgrund ihrer Anpassungsfähigkeit und Nähe zum Menschen zu einem festen Bestandteil vieler Städte weltweit entwickelt. Ihre Präsenz wirft sowohl biologische als auch gesellschaftliche Fragen auf, weshalb sie ein häufig untersuchtes Tier in der Stadtökologie darstellt.
Stadttauben stammen ursprünglich von der Felsentaube (Columba livia) ab, deren natürliche Lebensräume Felsklippen und Küstenregionen sind. Die Domestikation begann bereits vor mehreren tausend Jahren, als Menschen die Felsentaube als Haustier hielten, insbesondere als Brieftaube oder zur Fleischgewinnung. Durch Entfliehen oder Aussetzen domestizierter Tiere entstanden Populationen verwilderter Haustauben, die sich in Städten ansiedelten und als Stadttauben bezeichnet werden.
Die Stadttaube wird wissenschaftlich als Columba livia domestica geführt. Sie gehört zur Familie der Tauben (Columbidae) und ist eine Unterart der Felsentaube. Die Systematik lautet:
- Reich: Tiere (Animalia)
- Stamm: Chordatiere (Chordata)
- Klasse: Vögel (Aves)
- Ordnung: Taubenvögel (Columbiformes)
- Familie: Tauben (Columbidae)
- Gattung: Columba
- Art: Columba livia
- Unterart: Columba livia domestica
Stadttauben sind heute auf allen Kontinenten außer der Antarktis verbreitet. Sie kommen in nahezu allen Groß- und Kleinstädten vor. Ihr Lebensraum umfasst vor allem urbane Gebiete mit Gebäuden, Brücken und anderen Bauwerken, die den natürlichen Felsklippen ähneln. Auch in ländlichen Siedlungen und Häfen sind sie anzutreffen.
Die Stadttaube besitzt einen kräftigen, kompakten Körperbau mit einem kleinen Kopf, kurzem Hals und kräftigem Brustkorb. Die Flügel sind lang und spitz, was eine schnelle und wendige Flugweise ermöglicht. Auffällig ist das breite Farbspektrum des Gefieders, das von blaugrau über schwarz bis zu weißen und braunen Varianten reicht. Der Schnabel ist kurz und kräftig, die Füße sind rot bis rosa gefärbt. Stadttauben verfügen über eine ausgezeichnete Orientierung und ein gutes Sehvermögen.
Stadttauben erreichen eine Körperlänge von etwa 30 bis 35 Zentimetern und eine Flügelspannweite von 60 bis 70 Zentimetern. Das durchschnittliche Gewicht liegt zwischen 250 und 400 Gramm, wobei Männchen meist etwas schwerer sind als Weibchen.
Stadttauben können sich das ganze Jahr über fortpflanzen, wobei die Hauptbrutzeit in gemäßigten Klimazonen zwischen März und Oktober liegt. Sie sind monogam und bilden Paare, die oft über mehrere Brutsaisons zusammenbleiben. Das Männchen balzt durch Gurren, Imponiergehabe und Flugspiele. Nach der Paarung sucht das Paar gemeinsam einen geeigneten Nistplatz, meist auf Gebäuden, in Nischen oder unter Brücken.
Das Weibchen legt in der Regel zwei Eier, die von beiden Eltern über etwa 17 bis 19 Tage bebrütet werden. Nach dem Schlüpfen werden die Jungtiere („Nestlinge“) mit Kropfmilch gefüttert, einer nährstoffreichen, von beiden Eltern gebildeten Substanz. Nach etwa vier bis fünf Wochen sind die Jungtauben flugfähig und verlassen das Nest. Die Eltern können innerhalb eines Jahres mehrere Bruten großziehen.
Stadttauben unterliegen in Deutschland dem Tierschutzgesetz (TierSchG). Insbesondere §1 TierSchG legt fest, dass niemand einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen darf. Auch das Töten oder Fangen von Tauben ist nur unter bestimmten Voraussetzungen und mit behördlicher Genehmigung erlaubt. Die Tierschutz-Hundeverordnung und das Bundesnaturschutzgesetz finden auf Stadttauben in der Regel keine Anwendung, da sie als domestizierte und verwilderte Tiere gelten. Allerdings können kommunale Regelungen das Füttern oder Ansiedeln von Tauben reglementieren.
Stadttauben sind überwiegend Körner- und Samenfresser. Ihr Spektrum reicht von Getreide, Hülsenfrüchten und Wildkräutersamen bis zu menschlichen Nahrungsabfällen wie Brot, Reis oder Pommes frites. In Städten ist ihre Ernährung daher oft ungesund, was zu gesundheitlichen Problemen führen kann. Eine gezielte Fütterung mit artgerechtem Futter wird von Tierschutzorganisationen empfohlen.
Stadttauben bevorzugen Strukturen, die natürlichen Felsformationen ähneln, wie hohe Gebäude, Kirchtürme, Brücken oder Bahnhöfe. Sie nisten in Nischen, auf Fensterbänken oder unter Dächern. Die Nähe zu Menschen bietet ihnen Schutz vor natürlichen Feinden und eine stetige Nahrungsquelle, was ihre hohe Anpassungsfähigkeit erklärt.
Verletzte, geschwächte oder verwaiste Stadttauben werden in Wildtierauffangstationen aufgenommen. Dort erfolgt die medizinische Versorgung, Aufzucht und Wiederauswilderung. Jungtauben werden mit speziellem vegetarischen Futterbrei ernährt und nach Erreichen der Selbständigkeit in geeignete Taubenschläge oder zurück in die Freiheit entlassen. Besonderes Augenmerk liegt auf der artgerechten Haltung, Hygiene und der Vermeidung von Fehlprägungen.
Die Stadttaube ist ein Paradebeispiel für die Anpassungsfähigkeit von Tieren an vom Menschen geprägte Lebensräume. Ihre Entstehung geht auf die Domestikation der Felsentaube zurück. Mit ihrem wissenschaftlichen Namen Columba livia domestica ist sie weltweit verbreitet und eng mit dem urbanen Leben verknüpft. Ihr Körperbau, Fortpflanzungsverhalten und ihre Ernährung sind optimal an das Stadtleben angepasst. Gesetzliche Regelungen schützen sie vor Leid und Misshandlung. Die Aufzucht in Wildtierauffangstationen trägt zum Tierschutz und Erhalt gesunder Populationen bei.