Das Reh ist eine der bekanntesten und am weitesten verbreiteten Wildarten Europas. Es fasziniert Naturfreunde, Schüler und Laien durch seine zierliche Erscheinung und seine Anpassungsfähigkeit an verschiedene Lebensräume.

Ursprünglich entwickelten sich die Rehe in Eurasien und konnten sich aufgrund ihrer Anpassungsfähigkeit in verschiedenen Klimazonen behaupten. Im Laufe der Evolution spezialisierten sie sich auf ein Leben in offenen Wäldern und Lichtungen.

Der wissenschaftliche Name des europäischen Rehs lautet Capreolus capreolus. Es gehört zur Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla) und zur Familie der Hirsche (Cervidae). Das Reh ist nicht mit dem Rothirsch zu verwechseln, sondern stellt eine eigenständige Gattung innerhalb der Hirsche dar.

Rehe sind in nahezu ganz Europa verbreitet, mit Ausnahme von Island, Irland und Teilen des Mittelmeerraums. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Spanien und Portugal im Westen bis nach Russland und in den Kaukasus im Osten. Auch in Teilen Kleinasiens sind sie heimisch.

Das Reh zeichnet sich durch einen schlanken, leichten Körperbau aus. Die Beine sind lang und dünn, was eine schnelle und wendige Fortbewegung ermöglicht. Charakteristisch ist der kurze Schwanz, der sogenannte „Spiegel“ am Hinterteil – ein weißes Fellfeld, das bei Gefahr als Warnsignal genutzt wird. Männliche Rehe, sogenannte Böcke, tragen ein kleines, meist dreiteiliges Geweih, das jährlich abgeworfen und neu gebildet wird.

Ausgewachsene Rehe erreichen eine Schulterhöhe von etwa 60 bis 90 Zentimetern. Das Gewicht variiert je nach Region, Geschlecht und Jahreszeit zwischen 15 und 30 Kilogramm. Weibliche Rehe (Ricken) sind in der Regel etwas leichter und kleiner als die Böcke.

Die Paarungszeit, auch Brunft genannt, findet in Mitteleuropa meist von Juli bis August statt. In dieser Zeit sind die ansonsten eher einzelgängerischen Tiere besonders aktiv und die Böcke verteidigen ihr Territorium gegenüber Rivalen. Nach der Paarung kommt es zur sogenannten Keimruhe: Die befruchtete Eizelle entwickelt sich erst im Spätherbst weiter, sodass die Jungtiere im Frühjahr zur Welt kommen.

Ein Reh bringt meist ein bis zwei Kitze zur Welt, selten auch drei. Die Kitze werden in den ersten Lebenswochen im hohen Gras oder Gebüsch versteckt, wo sie von der Mutter mehrmals täglich gesäugt werden. Die Mutter verlässt die Jungtiere tagsüber, um Fressfeinden keine Hinweise auf deren Aufenthaltsort zu liefern. Die Kitze sind durch ihr geflecktes Tarnfell gut geschützt.

Das Reh unterliegt in Deutschland dem Bundesjagdgesetz. Nach § 2 Bundesjagdgesetz (BJagdG) zählt das Reh zum jagdbaren Wild, wobei Schonzeiten und Abschusspläne den Bestand regulieren und den Schutz der Art gewährleisten. In der Schonzeit ist die Jagd auf Rehe verboten, um die Aufzucht der Jungtiere nicht zu gefährden.

Rehe sind sogenannte Konzentratselektierer. Sie ernähren sich bevorzugt von zarten Kräutern, jungen Trieben, Knospen, Beeren und Blättern. Im Winter nehmen sie auch Knospen von Sträuchern und Bäumen auf, da das Nahrungsangebot eingeschränkt ist. Ihre Nahrungswahl ist stark von der Jahreszeit und vom Lebensraum abhängig.

Typische Lebensräume des Rehs sind Misch- und Laubwälder mit Lichtungen, Waldränder, Feldgehölze und sogar landwirtschaftlich genutzte Flächen. Rehe sind sehr anpassungsfähig und kommen auch in stadtnahen Gebieten vor, sofern Deckung und Nahrung vorhanden sind. Sie meiden jedoch dichte, dunkle Wälder und offene Flächen ohne Versteckmöglichkeiten.

Verwaiste oder verletzte Rehkitze werden gelegentlich in Wildtierauffangstationen aufgenommen. Hier erfolgt die Aufzucht unter größtmöglicher Nachahmung natürlicher Bedingungen. Die Tiere erhalten spezielle Milch und werden möglichst wenig an den Menschen gewöhnt, um eine spätere Auswilderung zu ermöglichen. Die Auswilderung erfolgt, sobald die Jungtiere selbstständig Nahrung aufnehmen und ein ausreichendes Fluchtverhalten zeigen. Herausforderungen bestehen in der artgerechten Ernährung und der Vermeidung von Fehlprägungen auf den Menschen.

Das Reh ist ein faszinierendes Wildtier, das sich durch Anpassungsfähigkeit, Vorsicht und eine besondere Fortpflanzungsstrategie auszeichnet. Als fester Bestandteil der europäischen Fauna spielt es eine wichtige Rolle im Ökosystem und steht unter besonderem gesetzlichen Schutz. Die Aufzucht von Rehkitzen in Wildtierstationen ist eine anspruchsvolle, aber lohnende Aufgabe zum Erhalt dieser Art.